V.l.n.r.: Victoria Trauttmansdorff (Foto: Jeanne Degraa) | Walter Kempowski (Foto: Wikicommons) | Wolfgang Hegewald (Foto: Roman Pawlowski) | Hubert Fichte (Screenshot aus der SWR Dokumentation "Der schwarze Engel") | Sabine Peters (Foto: privat)

Donnerstag, 29. Oktober 2020, 19:30 Uhr
70 Jahre Akademie - Die Akademie in die Stadt!
Kooperation mit dem Literaturhaus Hamburg:
ZUGENEIGT
Wolfgang Hegewald
stellt „seinen Walter Kempowski“ vor und
Sabine Peters
„ihren Hubert Fichte“.
Victoria Trauttmansdorff liest.
Veranstaltungsort: Literaturhaus Hamburg
Karten zu 12,- / erm. 8,- nur über das Literaturhaus Hamburg.

Die Akademie wird 70 und blickt zurück - zwei Autoren und Mitglieder der Akademie plädieren für die Wiederbegegnung mit zwei Klassikern der Akademie.
Mit Victoria Trauttmansdorff ist ein weiteres Mitglied der Akademie beteiligt. Die Schauspielerin wird von Hegewald und Peters ausgewählten Fichte- und Kempowski-Texte lesen.

Die Schriftsteller Wolfgang Hegewald über den Zeitgenossen Walter Kempowski:
«Walter Kempowskis Leben und seine Prosa sind tief imprägniert von deutscher Geschichte und deutschen Geschichten des 20. Jahrhunderts.
Der ehemalige Häftling legt lapidar Zeugnis ab von seinen Erfahrungen im Zuchthaus Bautzen.
Der Rostocker Reederssohn erinnert in anmutigen Chroniken an eine bürgerliche Lebensform von damals.
Der ehemalige Dorfschulmeister führt penibel Buch über seine Wahrnehmungen.
Der literarische Archäologe und obsessive Archivar sammelt Tagebücher, Briefe, fragmentarische Selbstauskünfte aller Art und kompiliert aus diesem Material Dokumente in der Gestalt von Sprachhologrammen.
Ich erinnere an den Prosakünstler Walter Kempowski und meine Geschichte mit ihm.»

Sabine Peters über ihren Dicherkollegen Hubert Fichte:
«"Einst bin ich ein Knabe, bin auch ein Mädchen gewesen, Busch und Vogel und Fisch, der warm aus den Wassern emporschnellt“. Dieses sinngemäß übersetzte Fragment von Empedokles steht auf Hubert Fichtes Grabstein. Fichte (1935 – 1986) hat viele Widersprüche miteinander verbunden.
Als Sohn einer protestantischen Mutter wurde er in einem bayrischen Waisenhaus katholisch infiltriert und galt dabei für die Nazis als „Halbjude“. Er trat in seiner Kindheit und Jugend verkleidet auf, als Mime an Hamburger Theatern – und der späterer Schriftsteller und Ethnopoet wurde oft als schonungsloser Selbstentblößer gesehen. Fichtes kindliches alter ego Detlev war schon als Junge fasziniert von rituellen Inszenierungen und erfuhr deren Wirkungskraft bzw Ohnmacht, etwa bei der Bombadierung Hamburgs.
Ein empfänglicher wie empfindlicher Junge, angezogen und befremdet von Verwandlungsgeschichten aller Art. Bücher mit Erinnerungen an die Kindheit wie „Das Waisenhaus“ oder „Detlevs Imitationen >Grünspan<“ zeigen: Fichte war zwar süchtig nach Wirklichkeit – aber er hat sie in seinen Texten geformt und verwandelt. Er gab sich nicht der Illusion hin, man könne „authentisch“ und „echt“ schreiben.
Auch die Texte über seine Kindheit schlagen keine Wahrheit in Stein, sondern fließen. Sie wollen keine Rätsel auflösen, sondern sie nachbuchstabieren.»