Akademie - ein Hain bei Athen, in dem Platon sich mit seinen Schülern traf. Also mit Sicherheit keine Unterrichtsanstalt, sondern von Anfang an ein Ort des Gesprächs: eines Gesprächs, das Dichtung nicht von Wissenschaft trennte. Es ist folgerichtig, dass in romanischen Ländern, wo antike Traditionen unmittelbarer fortleben, Dichter und Künstler meist mit den Gelehrten in Akademien der Wissenschaften vereinigt sind, wie in der Academie Française. In Deutschland ist das die Ausnahme.Hier haben sich Künstler aller Disziplinen zu eigenen Akademien zusammengeschlossen. In der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München (1948), in der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin (1950), in der Akademie der Künste in Westberlin (1954) und in der Freien Akademie der Künste in Hamburg, die 1950 von Hans Henny Jahnn gegründet wurde. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (1949) befasst sich ausschliesslich mit der Pflege von Sprache und Dichtung.
Gemeinsam aber ist allen, auch den Akademien der Wissenschaften, dass die Zahl der Mitglieder begrenzt ist, dass die Ergänzung durch Zuwahl erfolgt, dass die Wahl als Auszeichnung gilt. Akademie ist die Einrichtung einer ständigen Kommunikation miteinander und der Künstler mit der Gesellschaft. Um zu leben, braucht Kunst nicht allein die Hervorbringung, sie braucht ebenso den Nachvollzug: Rezeption und Interpretation. Jede Form der Aufnahme von Kunst ist ein kreativer Akt. Was eine Akademie von den anderen Künstlerzusammenschlüssen unterscheidet, ist ihr interdisziplinärer Charakter. Alle Künste unter einem Dach, das bedeutet die Möglichkeit der Kooperation miteinander. Gespräche über die Grenzen der einzelnen Künste und über sie hinweg. Dadurch kann die Akademie als Anreger und Katalysator wirken, ungewohnte Verbindungen herstellen. Eine Akademie ist keine Interessenvertretung einzelner Künste oder Künstler. Sie vertritt den Anspruch der Kunst im Ganzen gegenüber Staat und Gesellschaft. Eine Akademie ist ein Freiraum für die Darstellung der verschiedenen Künste. Diesen Freiraum immer wieder herzustellen - Freiheit ist nichts Statisches - ist die zentrale Aufgabe einer Akademie. Akademie ist wesentlich auch ein Ort der Reflexion, der Selbstbesinnung der Künstler. Ein Ort, in dem Künstler mit ihren Werken (was die Hauptsache ist), aber ebenso mit ihren Überlegungen zu Wort kommen. Und zwar Künstler aller stilistischen, politischen oder sonstigen Richtungen, Künstler aller Altersgruppen ohne Rücksicht darauf, ob sie nun gerade »in« oder »out« sind. Weder Traditionalismus noch - sein ebenso heilloses Gegenteil - Modernismus. Akademie ist vor allem ein Ort, der nach allen Richtungen offen ist, Kunst und Künstler jeder Art zulässt - Qualität als einziges Kriterium. Akademie fördert (versucht zu fördern), was in Gefahr ist, im Kunst- und Medienbetrieb übersehen oder unterdrückt zu werden. Entweder weil es sich dem Klischee gegenwärtiger Moden nicht fügt oder politisch und geschäftlich nicht in die Landschaft passt oder wegen politischer Unbequemlichkeit örtlich mundtot gemacht werden soll. So ist die Akademie auch ein Ausgleich und Gegengewicht gegen den weitgehend von ausserkünstlerischen Interessen bestimmten Kunstbetrieb.

Hans Henny Jahnn und seine Akademie

Die Freie Akademie der Künste in Hamburg - deren Mitbegründer und Spiritus rector er gewesen ist - steht im Leben des Hans Henny Jahnn an zentraler Stelle. Im Akademiegedanken sind unschwer die Linien zweier Perspektiven zu erkennen, die - in frühen Jahren bereits angelegt - nach den Erfahrungen des Ersten und der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges in zeiterzwungener Brechung zu eigentümlicher Ausformung kommen.
Erstens: die Idee einer herausgehobenen, "verschworenen", einer - sagen wir es ruhig - Elite-Gemeinschaft und zweitens: die Forderung nach öffentlicher Wirksamkeit und Geltung des Künstlers. Zum einen also introvertierte, esoterische, nahezu sektiererhafte Züge; zum anderen die Forderung nach einer sozialen, ja politischen Berufung des Künstlers. Ein Widerspruch gewiß - auch dann, wenn man beachtet, wie fundamental anders die Begriffe des Sozialen und des Politischen bei Jahnn angelegt sind, - und doch nur einer der zahllosen Widersprüche, die Jahnn in sich zusammenzuzwingen, zu vereinen wußte, die seine Sperrigkeit, nicht zuletzt allerdings auch seine Größe ausmachen.
"Spannungsvolle Harmonie der Künste" ist es denn auch, was als Motto und Grundsatz die Künstlergemeinschaft verbindet, die als Freie Akademie der Künste zwischen 1948 und 1950 ins Leben tritt. Eine Schöpfung Jahnns und - trotz des unbestrittenen Anteils so gewichtiger Gründungsmitglieder wie Rolf Italiaander, Alfred Mahlau, Hans Erich Nossack und Gustav Oelsner - so nachhaltig von seinen Vorstellungen, Entwürfen und seiner Persönlichkeit geprägt, daß sie bis heute sein Schicksal teilt: umstrittener, störender Fremdling im Hamburger Kulturleben zu sein.
Jahnns eigenes, universelles, spartenignorierendes Künstlertum legte den Gedanken nahe (in der Nachfolge einer traditionsreichen preußischen Akademie), die Gesamtheit der Künste unter einem Dach zu versammeln.
Es ist hierbei zu vergegenwärtigen, daß der Grundstein für die Gründung der Freien Akademie in Hamburg vor dem der Berliner Akademie der Künste gelegt wurde; im gleichen Jahr nämlich, in dem sich die Bayerische Akademie der schönen Künste konstituierte: 1947.

Alle Künste unter einem Dach, das bedeutet nicht nur die Möglichkeit des Gesprächs und der Kooperation der verschiedenen Künste miteinander, sondern ist der stete Versuch, dem verhängnisvoll verengenden Spezialistentum und -denken, das auch in den Künsten immer mehr Platz greift, in der Tat zu widersprechen - ganz im Sinne Jahnns, der die déformations professionnelles nachgerade als Sünde gegen den Geist und den Leib beklagt.
Ebenfalls ganz in seinem Sinn ist die Freie Akademie die Institution geblieben, in der die Künstler selbst den Kurs bestimmen und nicht, wie in der Regel, mehr oder weniger Außenstehende.
Dies, wie ihre vielschichtige, wahrhaft pluralistische Zusammensetzung schließt die einseitige Förderung modischer Trends ebenso aus, wie einen unfruchtbaren Traditionalismus. Gerade heute, wo zunehmend kommerzielle, politische, berufsständische Interessen und nicht zuletzt Mediengefälligkeit die Unabhängigkeit und das Eigengewicht der Kunst zunehmend gefährden, ist eine Einrichtung wie die Freie Akademie der Künste schlechthin notwendig. Nicht von ungefähr fordert daher auch der erste Paragraph ihrer Satzung "Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft zu vertreten."