© ensemble für neue musik zürich

Sonnabend, 25. November 2017, 19 Uhr
Eine Veranstaltung des ensemble für neue musik zürich
ZUHOEAN
von CHRISTOPH COBURGER und SEBASTIAN GOTTSCHICK

ensemble für neue musik zürich
Hans-Peter Frehner, Flöten · Manfred Spitaler, Klarinetten · Viktor Müller, Klavier · Daniela Müller, Violine ·
Nicola Romanò, Violoncello · Lorenz Haas, Perkussion · Anna Trauffer, Stimme · Sebastian Gottschick, Leitung
Eintritt: 12,- / erm. 8,-

Anzahl:  

Raum Zeitung Liebe Jahrzehnt Gegend Eigentum Schlaf Poesie Arbeit Reise
Größe Leben Klappe Mensch Wüste Eigenart Weg Kind Unwucht ZUHOEAN
Anspruch Ballung Gehen Kritik Sachen Moment Rede Tuch Film Welt
Punkt Stellung Haufen Wirkung Kahn Wendung Handel Vater Bahnfahrt Zustand
Öffnung Ende Zeit Straße Abend Haut Wert Fall Schwarz Wort.

Eine Frau sitzt am Tisch in der Nähe eines großen Kühlschranks und übt und schreibt und baut für ihre ZUHOERA. Sie schmiert und isst und schreibt und spielt und läuft und singt was das Zeug hält. Kein Bach, Gottschick, Purcell, Schaufelberger, Vulpius, oder Coburger ist vor ihr sicher. Gestochert wird mit der Stimmgabel in abgelaufenen Walsergedichten - Pudding. Die Eieruhr klingelt verspätet - Garstedter Dämmerung. Schneiden tut unser Goldstück alles, was das Klavier verändert - Toast Hawaii. Licht kommt aus dem Theaterhimmel - Grand Vin de Bordeaux. Das begabte Kind blättert sich durch das Klanggestrüpp der modernen Moderne und findet Schnipsel, Scherzi, Bauten, Blasmusiken, Fragmente, Kanons, heiße Luft, schnelle Veränderungen, hohe Stimmen, morsche Stücke, flotte Trios, und Haufen von Quintparallelen nach Texten von Dichtern und ohne solche. Seien Sie öffentlich. Werden Sie Mitglied. Lassen Sie sich verändern.

*

Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Als in Garstedt das Strohdachhaus abbrannte, als meine Mutter mir die Buchstaben erklärte, als ich Wachsmalstifte zur Einschulung bekam und als ich in der Voliere die Fasanenfedern fand, immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.

libretto von christoph coburger
A Technik 1
Ich will eine Bosch Wäschewaschmaschine!
Ich will einen singenden Siemens kalten Kühlschrank!
Ich will einen Braunfön!
Außerdem will ich die geschlechtslosen alten Barbiepuppen wieder!

B Volkskrankheit 1
Lego, Windpocken, Pläimobil,
Rotaviren, Matchbox, ADHS, Märklin,
Scharlach, Sigikid, Neugeborenengelbsucht,
Essknete, Ringelröteln und Wikingautos.

C Volkskrankheit 2
Gib mir Maoam, Kurzatmigkeit, Wrighley Spearmints, Schlafapnoe, M&Ms, Schweißneigung, Twix, Kreuz- und Gelenkschmerzen, Snickers, Adipositas, Lion, Diabetes Mellitus Typ 2, Milky Way, Gallensteine, Nutella, Bluthochdruck!

D Die Neureichen
Ich will Schwarzbrot, Stiftung Warentest, Weissbrot, Uckermark, Muscheln, nur draussen im Herbst, Austern, Große Bleichen, Hummer, Windkraft, und viel gemischtes Hack, Travemünde.

E Morgens
Ich will Langusten aus Astana, Nordseerobben aus Illinois
und Ostseekrabben, Ostseekrabben, Ostseekrabben.
Einfach Kriechtiere.

F Volkskrankheit 3
Ich will Milka, Brustkrebs und Marabu!
Gebärmutterhals-, Prostata- und Gallenblasenkarzinome!
Hast du `mal Röllchenmarabu, Sexualhormonstörungen, Zuckerwatte, Rückenschmerzen, Liebesäpfel, Trombose, Treets, Embolie, Kandis und Zahnschmerzen?

G Volkskrankheit 4
Ich will Eis, Wundkanalspreizung. Ganze Teller, Platzwunde. Nuss, Haselnuss, Kokzidien. Vanilljeeis, Bourbonleber. Schokolade, Depression. Nougat, verminderte Selbstwertgefühle. Pistazien, Tomatentütensuppenaddiction.

H Volkskrankheit 5
Luxemburgerli, Fettstoffwechselstörung. Ich will Luxemburgerli, Atembeschwerden. Aber nur Schweizer Luxemburgerli, koronare Herzkrankheiten. Schweizer Luxemburgerli ohne alles. Nicht Schweizer Luxemburgerli mit Belgischem Nougat, Arthrose, sondern Schweizer Luxemburgerli pur, Gicht. Zu jeder Jahreszeit. Auch im Sommer, Heuschnupfen. Fünfzig Grad im Schatten - da will ich’s aus dem Kühlschrank. Ich will’s aus dem Kühlschrank. Kalt. Süssigkeiten müssen kalt sein, Wollpullover.

I Best of
Ich will alle A-Seiten.
Ich will die guten und die schlechten A-Seiten.
Ich will auch die B-Seiten.
Ich will Polidor, Europa, Decca, Warner, Sony, Universal und die Deutsche Grammophon
und alles, was sie noch haben.
(ab hier die störenden Flächen) Ich will Bob Dylan, Rolling Stones, John Lennon, Marvin Gaye, Aretha Franklin, Bill Withers, Otis Redding, The Beach Boys, Chuck Berry, The Beatles, Nirvana, Ray Charles, The Who, Sam Cooke, nein, Sam Cooke nicht, aber Clash, Jimi Hendrix, Elvis Presley, Bruce Springsteen, The Ronettes, The Impressions, Derek and the Dominos, Otis Redding - hatte ich schon, Johnny Cash, Led Zeppelin, Ike and Tina Turner, Righteous Brothers, The Doors, U2, Bob Marley, Buddy Holly And The Crickets, Martha Reeves and the Vandellas, Miki Howard, The Temptation, Mylène Farmer, John Mellencamp, Tangerine Dream, John Lee Hooker, Leonhard Cohen, Pascal Comelade, Alvin Lee, Rory Gallagher…

J Spezialisierung
Ich will Reklame, Serien, Daily Soaps, Magazine, Formate, Spielfilme, Klassiker, Neo Noir, Science Fiction, Porno, Splatter, Western, Italos, Horror, Spass und Nachrichten.
Ich will Vorabendkomödien, Wetterberichte, Dokus, das kleine Fernsehspiel, Musikshows, Wer Wird Millionär, Dauerwerbung, Sendeschluss, Wetten Dass, Frühstücksfernsehen und Testbild.
Ich will auch alle Fortsetzungen, Wiederholungen, Revivals, Konferenzen, Wiederaufnahmen, alte Hüte, Flops, Jahresrückblicke, Strassenfeger, Talent Shows und Newcomer.
Ich will Exploitation, Vampire, Werwölfe, noch mehr Horror, Nazis auf dem Mond, CIA, KGB, NSA, Mossad, Assad, Deutschland, Riad, Iran, Türkei, Monsanto und so weiter.
Ich bin
(Chor): DerweißeHaiJamesBondMissionImpossibleJurassicParkUNDStarWars…
bin ich.
Ich bin Georgina Lucas.
Ich bin Stephanie Spielberg.
Ich bin die Coen Sisters.
Ich bin Gwendoline Tarantino.
Ich bin Petra Jackson.
Ich bin Martina Scorcese.
Ich bin Brianna de Palma
und Frederike Lang war ich auch mal.
-
Ich will auch alles archivieren für mich und meine Nachkommen.

K Der Ausrufer
Nora Ephron ist tot. Es lebe elisabethmärkli!
Alejandro Jodorowsky ist tot. Es lebe hanspeterfrehner!
Pier Paolo Pasolini ist tot. Es lebe manfredspitaler!
Franco Nero ist tot. Es lebe lorenzhaas!
Sergio Leone ist tot. Es lebe… viktormüller!
Adrienne Shelly ist tot. Es lebe daniela müller!
Fritz Lang ist tot. Es lebe nicolaromano!
Billy Wilder ist tot. Es lebe sebastiangottschick!

L Begegnung
L2 Ich will mit der Bibel Propellerflugzeug fliegen.
L3 Ein Jahr lang will ich mit der Bibel Propellerflugzeug fliegen.
L4 Einmal um die Welt will ich mit der Bibel Propellerflugzeug fliegen.
L5 Dann lande ich irgendwo mein Propellerflugzeug und schenk die Bibel einem Kind.
L6 Das Kind hat keine Arme, keinen Vater und vermisst seine Mutter.
L7 „Hallo Kind! willst du dieses Buch haben? Möchtest Du’s?“
L8 Das Kind nimmt das Buch mit den Füssen und blättert glücklich darin.
L9 Ich freu mich auch.
L10 „Hey, wo sind deine Geschwister?“
L11 Alle verkauft.
L12 Überall hin verkauft.
L13 Die waren noch was wert.

M zeitgemäß
Ich bin ein Frau.
Ich lächle.
Ich bleib zu Hause.

N Auf dem Bett
Ich will schlafen.
Tagelang schlafen.
Einfach nur schlafen.
Lass mich schlafen!
Ich träume dann, wach zu sein.

O Vor dem Spiegel
(O1) Ich sehe gut aus.
(O4) „Du siehst eigentlich kaputt aus.“
(O2) Ich sehe kaputt aus?
(O3) Ich sehe doch nicht kaputt aus.
(O1) Ich sehe doch gut aus.
(O4) …
(O2) Ich bin doch aufrichtig!
(O3) Ich bin doch gewinnend.
(O1) Ich bin doch ziemlich bezaubernd.
(O4) „Du hast schon mal besser ausgesehen! …
(O5) Ich kann doch aufrecht stehen.

P Bedienung
(P1) Ich will Gin trinken.
(P9)“…“
(P2) Ich will, dass Gin da ist.
(P3) Lisbeth, (P4) kauf’ mir Gin!
(P5) “Mach ich… stöckelt weg - kommt zurück (P9) Gin! Oder?“ (P6) stöckelt weg - kommt zurück
(P7) ruft Fünfzig Minuten Gin!
stöckelt weg - kommt zurück (P9) „…“ stöckelt weg
(P8) kommt zurück Doch! stöckelt weg
kommt zurück (P1) „Gin. Ist gut.“ stöckelt weg

Q Zweifel
(Q3) Kommt rein (Q1) viktormüller, du Zecke, Punk, Nerd, Kretin, Sau, Wicht, Ziege, Wurm, Zebra, Arzt, Zombie, Klofrau, Kaufmann, Partyhitler -, (Q2) Affe, Hausmeister, Tenor, Spastiker, Stalin!
(Q3) Wieso hatte Ich nie Gin?“
(Q4) Der ist das Problem: (Q5) der Alkoholismus der Schweizer, (Q3) wenn es den überhaupt gibt.
(Q4) Schweizer trinken sparsam und den Leuten gefällt das.
(Q6) „Du trinkst zu wenig Gin!“
(Q3) Ich? Ich trinke gar nicht.
Schon länger übrigens.

R Windungen
Ich brauch dich nicht.
Geh zurück zu Eric Clapton.
Kriech zu Mick Jagger.
Bitte um David Bowie.
Heul doch mit Keith Jarrett.

S goldene Jahre
Ich will Brian Eno.
Ich will geile Alben mit Brian Eno drauf.
Ich will alle Alben von Brian Eno.
Alle Alben auf der ganzen Welt will ich kaufen von Brian Eno.
Keiner darf mehr ein Album haben außer ich - von Brian Eno.

T Launen
Ich will Gin.
Ich will weg damit.
Ich will Schweizer werden.
Schöne Grüße. Guten Tag. Mach mal halblang. Schon dich. Immer mal Pause machen. Schön langsam. Setz dich. Gönn dir mal `was.
Ich bin zwei Ginflaschen.
Ich bin cool.
Ich bin Tänzer.
Ich kauf mir Zürich.

U wie üblich
Ich will Klimawandel weil ich bei gutem Wetter mehr verkaufen kann.
Ich will den ganzen Klimawandel sofort!
Ich will günstigen Klimawandel!
Ich will besseren Klimawandel.
Da verkauft sich alles besser.
Das ist Gefühl.
Das ist Freiheit.
Das ist Geben.
Das ist Nehmen.
Das ist Dezember in Palermo.
Das ist Die Sonne scheint.
Das ist Ich creme die Kinder ein.
Das ist Sonne tanken.

V Nostalgie
Ich will das Känguru aus Plastik da.
Ich will kein Tier aus Porzellan haben.
Da lachen ja die Hühner!
Ich will dann noch Lassie.
Ich will unbedingt Lassie.
Ich will Lassie zurück.
Ich will einfach Lassie.
Gib mir Lassie!
Drums dazu Ich will, dass lorenzhaas Lassie spielt.
Ich will, dass Dolly Parton auch mitspielt.
Ich will, dass Dolly Parton dazu Gitarre spielt.
Dolly Parton wie immer. Mit lorenzhaas.
Mit Lassie und meiner Gitarre.
Dolly Parton und lorenzhaas singen zusammen.
Als noch jeder Lassie kannte.

W aus der Küche
(1) Machen Machen Tun
(2) Kies und Kalk dazu
(3) Sieben Sachen fall`n mir ein
(4) Kunsthaus kaufen
(5) Grundieren
(6) Irgendwem Rembrandts schenken
(7) Mit Van Gogh das Schulbrot der Kinder einwickeln
(8) Fünfhundert Milligramm Paul Klee zum Nachspülen
frei Die Welt fälschen

X Traum
(X1-4) Lass mich einschlafen.
(X5-7) Ich will Prozac, Lavendel, Aurorix, Johanneskraut, Seroxat, Bachblüten, Paroxetin,
Baldrian, Deroxat, Vitamin C, Zoloft, Tryptophan, Moclobemid und Durian.
(X8 Lass mich schlank sein.
Lass mich glücklich sein.
Ich will einschlafen.

Y Otriven
(Y1) Mach mir in die Nase.
(Y2) Auf die Schuhe.
(Y3) Los mach! Du. Abfall.
(Y4) Mach schon. Drück! Los!
(Y5) Du Nase. Rotz. Bück Dich.
(Y6) Leck. Mein. Mama. Fuss.
(Y7) Ja. So. Genau.
(Y8) Mach doch! Lass! Mach! Los!

Z Worte
Stimme lässt fünfzig Karten durch ihre Finger. Die Worte sind dabei für das Publikum kurz sichtbar.
Chor:
01 Raum Zeitung Liebe Jahrzehnt Gegend
02 Eigentum Schlaf Poesie Arbeit Reise
03 Größe Leben Klappe Mensch Wüste
04 Eigenart Weg Kind Unwucht ZUHOEAN
05 Anspruch Ballung Gehen Kritik Sachen
06 Moment Rede Tuch Film Welt
07 Punkt Stellung Haufen Wirkung Kahn
08 Wendung Handel Vater Bahnfahrt Zustand
09 Öffnung Ende Zeit Straße Abend
10 Haut Wert Fall Schwarz „Wort“ sichtbar - Black Wort.

Schluss